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Irrlicht

Ende Dezember – Zeit des Schmuddelwetters, der Umtausch-Exzesse und der Erscheinungen. Ja, der Erscheinungen! Weil die Tage so kurz sind und die Wolken so niedrig hängen, zeigt sich die Welt schon um fünf  Uhr nachmittags nur noch schemenhaft. Wen wundert‘s, dass man da schon mal Gespenster sieht. Gestern etwa, beim Nachhausegehen durch den menschenleeren Stadtpark: der Weg unter den Füßen ist gerade noch zu erkennen, da entdecke ich in einiger Entfernung vor mir ein seltsames Licht, das sich nicht von der Stelle bewegt – für eine Kinderlaterne zu hoch über dem Boden, für die Stirnlampe eines Joggers viel zu groß und für den Mega-Strahler eines Kampfradlers nicht aggressiv genug. Nichts jedenfalls, was einen blendet. Eher ein sanftes, metaphysisches Leuchten, passend zur Weihnachtszeit, die auch den nüchternsten Zeitgenossen schon mal das Realitätsbewusstsein trübt. Unwillkürlich werden meine Schritte langsamer. Irgendwann werden dann die Umrisse einer menschengroßen Gestalt erkennbar, die mitten auf dem Weg steht und das kreisrunde Licht auf den Schultern zu tragen scheint. Ein himmlischer Gesandter mit Heiligenschein? Herabgeschickt, um sich ein Bild davon zu machen, wie eine christliche Nation mit Flüchtlingen umgeht?

Der Verstand erhebt natürlich Einspruch: Sicher nur eine banale Sinnestäuschung – verursacht von der exzessiven Weihnachtsbeleuchtung, die einem seit Wochen an jeder Ecke ins Gemüt strahlt! Das Phantom erweist sich jedoch als hartnäckig, die Anspannung wächst, ich merke, wie ich die ganze Wegbreite ausnutze, um nur nicht zu dicht an dem gespenstischen Hindernis vorbei zu müssen. Was tun, wenn man gleich in Augen schaut, die nicht von dieser Welt sind, es zu einer Begegnung der dritten Art kommt?

Doch dann löst sich der Spuk schlagartig auf: Im Zentrum der Gloriole wird ein menschliches Gesicht erkennbar, das mit gesenktem Blick vor sich schaut. Aus der Entfernung hatte man nur das angestrahlte Rund der weißen Fellkapuze gesehen, die den Kopf umhüllt – nichts Überirdisches also! – Nichts Überirdisches? Im Augenwinkel entdecke ich die Lichtquelle, die die junge Frau wie eine Monstranz vor sich hält: Ein magisches Utensil von der Größe einer Zigarettenschachtel, das sich selbst beleuchtet und damit auch das Antlitz, das sich ihm zuwendet: Das Lux Aeterna der digitalen Transzendenz, das gemeinhin ‚Smartphone‘ genannt wird.

Letztes Farewell oder Rückkehr zur irdischen Maßen?  – Das Corona-Virus erinnert uns an eine Welt, die wir beinahe vergessen hatten.

Täglich hören wir Politiker, Kommentatoren und Philosophen sagen, dass die Welt nach der Pandemie eine andere sein wird. Eine gewichtig klingende Botschaft, die freilich einen kleinen Schönheitsfehler hat: Sie bleibt solange eine Leerformel, wie man zu erklären versäumt, wie die Welt vor Corona eigentlich ausgesehen hat – was sich an  unserem Blick auf die Dinge in diesen Wochen und Monaten also verändert haben soll. Hier der Versuch, ein paar Kennzeichen jener Zeit zusammenzutragen, die nun angeblich zu Ende geht. Die Stichworte: Zeitverlust, Weltverlust, Selbstverlust.

Zu den Merkmalen technisch hochentwickelter Gesellschaften gehört, dass sie den körperlichen Aufwand reduzieren, der zur Bewältigung des Lebensalltags nötig ist: Motorfahrzeuge ersparen einem die Fortbewegung auf zwei Beinen, Lifte und Rolltreppen das Treppensteigen, Hochdruckreiniger das Wischen und Schrubben, Gartenroboter das Rasenmähen und ferngesteuerte Jalousien das Aufstehen vom Sofa.

Am vorläufigen Ende dieser Entlastungsgeschichte steht heute ein Gerät von der Größe einer Zigarettenschachtel, das seinen Besitzer mit Service-Leistungen geradezu überschüttet. In Sekundenschnelle öffnet das ‘Smartphone’ jede Webseite dieser Welt, beantwortet alle erdenklichen Fragen, berechnet einem die Route zum ausgewählten Fahrtziel und eruiert die Öffnungszeiten von was auch immer, damit man sich nicht umsonst auf den Weg macht. Und das alles nur mit ein paar Wischbewegungen des Zeigefingers!

Paradiesische Zustände der entspannten Unabhängigkeit, deren Kollateralschäden allzuoft übersehen werden: Sich mit Hilfe dieses Wundermittels die Mühen, Beschränkungen und Umständlichkeiten des Alltags vom Hals zu halten, raubt einem eben die Zeit, die man zu gewinnen glaubt, Zeit, die nun zwangsläufig anderswo verloren geht. Wer zusätzlich zu seinem ohnehin medial geprägten Alltag täglich mehrere Stunden auf sein portables Kommunikations- und Service-Zentrum starrt, um whatsapp-Nachrichten zu lesen und zu beantworten, im Internet zu surfen oder lustige Video-Botschaften abzuspielen, kann sich kaum noch mit der analogen Seite des menschlichen Daseins beschäftigen – mit dem also, das nicht in kleinen oder großen Leuchtkästchen aufscheint und das früher einmal ‘Realität’ bezeichnet wurde: die in umfassender Weise sinnlich gegebene Welt, die wir uns als Kinder spielend, laufend, springend und kletternd erschlossen haben, und die auch ohne Netzstecker, geladene Akkus und Mausklicks da ist. Eine Welt, zu der gehört, was wir ‘Natur’ zu  bezeichnen gewohnt sind – eine Natur, zu der wiederum auch wir selbst gehören.

Zu beklagen wäre demnach nicht allein die verlorengehende Zeit, sondern auch der damit verbundene Raumverlust  – das schleichende Verblassen jener irdisch-materiellen Kontexte, für die unser Sinneninstrumentarium geschaffen ist und in denen allein es geben kann, was ‘Hier und Jetzt’ genannt wird. Was die zunehmende Erosion dieses Erfahrungsraums für ein Wesen bedeutet, das durch seinen Körper Teil der entschwindenden Welt bleibt, ist noch völlig ungeklärt und wird die Philosophen und Psychologen noch länger beschäftigen. Sicher ist nur: Je öfter und ausgiebiger sich meine Aufmerksamkeit an Bildschirmoberflächen heftet, desto nachhaltiger verwandelt sich die Sphäre des technisch Unvermittelten, das Reich des gegenständlich Da- und Mitseienden, in ein Epiphänomen – in eine Brache der analogen Eiszeit, in der unsere Vorfahren ausharren mussten, aus der der moderne Mensch aber einen eleganten Ausweg gefunden zu haben meint.

Mit Covid-19 hat sich das marginalisierte Universum des Lebendigen nun aber zurückgemeldet. Und das viel radikaler als dies bei einer gewöhnlichen Naturkatastrophe der Fall ist. Eine solche bricht in den Alltag der Menschen ein, ist innerhalb einiger Minuten oder Stunden aber auch wieder vorbei (wenn es auch Wochen und Monate dauern kann, die entstandenen Schäden zu beseitigen). Zeigt ein solches Ereignis, dass die zurückgedrängte Natur sich kurzzeitig ein paar der vom Menschen besetzten Räume zurückzuerobern vermag, so decouvriert sich eben diese Natur in einer Pandemie als räumlich und zeitlich unbegrenzte Macht, der wir hilflos ausgeliefert sind. Was eben noch randständig war, nimmt uns jetzt vollständig gefangen und lässt das schier Undenkbare wahr werden: Ein winziges Virus ist in der Lage, das hochkomplexe Gefüge der globalisierten Zivilisation zu zerschlagen, ihre an das moderne Sicherheitsnetz gewohnten Bewohner mit dem Tod zu bedrohen und ganze Volkswirtschaften zu ruinieren.

Was da unsichtbar in der Luft liegt, bedroht folglich nicht Einzelne und Gruppen, die das Pech gehabt haben am falschen Ort zu leben, sondern uns alle in unserer Eigenschaft als atmende Wesen, die auf Austauschbeziehungen mit der Umwelt ausgelegt und angewiesen sind.

So bringt die Corona-Pandemie genau das in Erinnerung, was in einem von virtuellen Bezügen bestimmten Alltag noch leichter zu verdrängen gelingt als in den analogen Zeiten der jüngeren Vergangenheit –  dass wir körperliche Wesen sind, die wiederum millionenfach von lebendigen Organismen bevölkert sind: Von Zellen, die wachsen oder wuchern können, von Bakterien, die unser Verdauungssystem im Gang halten. Oder eben von Viren, die zu zerstören drohen, was dem multimedial sozialisierten Zeitgenossen allenfalls dann auffällt, wenn er statt auf Displays und Bildschirme einmal in den Spiegel schaut  – sein hoffnungslos biologisches und damit endliches Leben. Das vor Jahresfrist noch unvorstellbare Bedrohungsszenario zeigt demnach nichts Neues, sondern bringt die conditio humana zum Vorschein – die ureigenste Wahrheit der menschlichen Existenz. Empört, von einer unberechenbaren und herzlosen Natur heimgesucht worden zu sein, haben wir uns doch nur mit der Realität infiziert.

Die sogenannte ‘Krise’ zeigt also, dass selbst technisch hochgerüstete Gesellschaften mit den Konstitutionsbedingungen der ‘alten’ Welt konfrontiert bleiben – einer Welt, die nicht nur angenehme, sondern auch höchst unerfreuliche Seiten hat, die vor allem, dass ihr der Reset-Knopf fehlt, mit dem man wieder auf Start gehen kann, wenn etwas schiefgelaufen ist.

So sehr uns diese Erkenntnis erschreckt und in ein überwunden geglaubte Epoche zurück zu katapultieren scheint, sie hat zweifellos auch ein positives und zukunftsweisendes Moment – eine aufklärerische Potenz. Zu den gravierendsten kulturellen Fehlleistungen gehört ja die Vorstellung, dass das weltgeschichtliche Pensum der Menschheit darin liegt, die Natur so lange umzugestalten, bis sie sich in eine Menschenwelt verwandelt hat, das aus sich selbst Bestehende zur bloßen ‘Ressource’ geworden ist, an der man sich nach Belieben bedienen kann. Und dass dieses Emanzipationsprojekt dank des pausenlosen Fortschritts von Wissenschaft und Technik inzwischen auch gelungen ist, die Natur hinreichend unterworfen und nur noch Mittel zu unseren Produktions- und Freizeitzwecken ist. Diese mit den technischen Revolutionen ins kollektive Bewusstsein eingewanderte Autarkie-Illusion ist mit dem Ausbruch der Epidemie zerplatzt – vorbei der Aberglaube, dass wir uns ein schützendes Gehäuse namens Zivilisation basteln können, das vollständig abgeschirmt ist, keine Öffnung mehr hat, durch die Fremdes und Äußeres eindringen kann.

Diese moderne Variante des christlichen Auserwähltheitsdenkens hat uns lange Zeit beruhigt und auf Kurs gehalten, damit aber genau die Probleme produziert, die uns heute zu schaffen machen – die anthropogene Klimaerwärmung, die ‘Ressourcen’verknappung, die Vermüllung der Meere, die Verseuchung des Grundwassers und nun auch die Pandemiegefahr, die sich nicht zuletzt der zivilisatorischen Erfolgsgeschichte verdankt – der Tatsache, dass durch den globalisierten Reiseverkehr jeder Erreger binnen kürzester Zeit weltweit verbreitet wird. Und natürlich verdankt sie sich auch abstrusen Geschäftsmodellen wie dem der industriellen Massentierhaltung, die ihr ‘Bio-Material’ samt Parasiten, Keimen und Viren auf engstem Raum konzentriert, wodurch die Beifütterung von Antibiotika geradezu zwingend wird.

Die Digitalisierung scheint mit all dem überhaupt nichts zu tun zu haben, vielmehr nur eine intelligente und praktische Lösung für bestimmte Alltagsprobleme zu sein. Und tatsächlich wäre es Unfug, ihre Vorteile zu unterschätzen oder sie gar als Teufelswerk abzutun. In gewisser Weise bestätigt und komplettiert sie aber aber die zweitausend Jahre alte Emanzipationsgeschichte, indem sie dem von Natur aus Seienden ein zweites, vollends selbstgeschaffenes Universum gegenüberstellt, das in sich geschlossen zu sein scheint und deshalb dazu disponiert, die Interaktionen mit der alten, nichtvirtuellen Welt als überholt und zweitrangig zu betrachten. Die multimediale Doppelung der Wirklichkeit mag ein technischer Geniestreich sein, der den Handlungsspielraum des Menschen in ungeahnter Weise ausdehnt. Zugleich lässt sie sich aber als Schlussstein und Brandbeschleuniger einer kulturellen Selbstbezüglichkeit lesen, die auf Mittel und Wege sinnt, die Wahrheit des menschlichen Eingebundenseins in das Ganze des Seienden ignorieren zu können. Und sie ist eben deshalb auch nicht folgenlos. Denn wie soll sich jemand ernsthaft für den Erhalt eines intakten Planeten engagieren, wenn er diesen gar nicht mehr wirklich bewohnt? Wenn unsere primäreren Referenzpunkte in die Semi-Realität von Bilder- und Zeichensystemen auswandern – mit der düsteren Perspektive, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis den ersten von uns nur noch als real erscheint, was wenigstens verfilmt wurde?

Unterschätzt wäre das Problem dieses Weltverlusts aber, wenn es zu einer Frage der Natur- und Umweltschädigung verkürzt würde. Die Auflösung des irdischen Bezugsrahmens dürfte nicht zuletzt auch uns selbst beschädigen, unsere sensuellen, motorischen und psychischen Lebensgrundlagen unterminieren und damit auch unsere Identität ins Wanken bringen – eine Identität, die sich nicht etwa einem cartesianischen Geist verdankt, der einen Körper hinter sich herschleppt, sondern das Ergebnis des körperlichen In der Welt Seins selbst ist.

Übertrieben? Vielleicht! Vielleicht aber auch nicht: Indem die Verbindungen zur konkreten Außenwelt immer brüchiger werden, wird nunmal auch fraglich, was es mit unserem eigenen, nicht weniger naturhaften Körper auf sich hat. Im Alltag der multimedial vernetzten Welt benötigen wir ihn ja kaum noch, weder für die  Fortbewegung noch für die Arbeit. Was der einstige Savannenläufer von seiner hochkomplexen Physis heute noch braucht, sind die Finger, mit denen er Licht und Geräte einschaltet, Tastaturen bedient und auf Displays herumwischt, die Augen, die die sichtbar gemachten Zeichen dem Gehirn übermitteln und eben dieses Gehirn, das aus dem eindimensional mit dem Sehsinn Wahrgenommenen die Informationen herausliest.

Wie sollte dieser epidemisch gewordene Reduktionismus nicht dazu führen, dass einem der ganze Rest – das unwiderruflich analoge Ensemble von Muskeln, Gelenken, Kreislaufprozessen, Stoffwechselvorgängen und Hormonspiegeln – zunehmend unheimlich wird – uns der Leib als ein Fremdkörper zu erscheinen beginnt, von dem wir uns weniger getragen als bedroht fühlen, und der doch nicht abzuschütteln ist. Das bis vor wenigen Monaten noch so intensiv diskutierte Umweltproblem ist also nicht das einzige, das dem Menschen der Gegenwart  zu schaffen macht. Er ist sich selber zum Problem geworden.

Folglich trifft uns die Pandemie nicht im Moment einer intakten, unbelasteten und am Ende gar ‘natürlichen’  Selbst- und Weltbeziehung, sondern in einer Orientierungskrise, die sich wohl kaum auf Dauer ins Unterbewusstsein abdrängen lässt. Fern davon ein Eldorado der persönlichen Selbstmächtigkeit zu sein ist das Prä-Coronatikum ein Ort verloren gehender Bodenhaftung – ein Ort der inneren Unruhe, der man mit Dauerkonsum von Unterhaltungs- und Freizeitangeboten zu entkommen sucht, mit weltweiten Reisen etwa, die für die Verluste eines zuletzt lebens- und sinnenfeindlichen Alltags entschädigen sollen. Was unsere Politiker als Leben in Wohlstand, Freiheit und Sicherheit preisen, mag auf den ersten Blick Fortschritt im positiven Sinne des Wortes sein, auf dem zweiten ist es aber janusköpfig: ein Leben unter Entzug ganzheitlicher Beziehungen bei gleichzeitig wachsendem Arbeits-, Kommunikations- und Freizeitleistungsdruck. Die Annahme, dass wir im Zuge der Pandemie tief verankerte Sicherheiten verloren haben, ist demnach allzu kurzschlüssig. Verloren haben wir vielmehr nur die Möglichkeit, uns die latente Abgründigkeit moderner Lebensentwürfe zu verdecken. So unerwartet wie unausweichlich sind wir jetzt mit der Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts konfrontiert: “In welcher Beziehung wollen wir zum Rest jener Natur stehen, die wir so erfolgreich aus unserem Lebensalltag verdrängt haben und die doch in dieser oder jener Form zurückkehrt.” Eine Frage, die allen Formen der künstlichen Intelligenz schier unverständlich bleiben muss und für die auch die renommiertesten Think Tanks nach wie vor keine Antwort haben.

Eben darin liegt die Herausforderung und die Chance der gegenwärtigen ‘Katastrophe’: Sie hat die verschüttete Wahrheit ans Tageslicht gebracht, dass wir in unhintergehbaren Austauschverhältnissen leben, nicht nur mit unseren Mitmenschen, sondern auch mit der Natur in und außer uns, es also nicht nur darauf ankäme, unseren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, sondern auch die verblassten ‘Resonanzbeziehungen’ wiederzubeleben, wie der Soziologe Hartmut Rosa es nennen würde – damit wir wieder realen Boden unter die Füße bekommen, statt uns in aseptischen Kulissenwelten einzurichten, in denen wir uns doch immer nur fremder werden.

Die schmerzlichen Ausgangsbeschränkungen von März und April haben jedenfalls unmissverständlich gezeigt, wie elementar für ein leibliches Wesen nichtvirtuelle Beziehungen sind –  haben uns vor Augen geführt, dass es für uns von größter Wichtigkeit ist, Menschen direkt gegenüberzustehen, statt sie in sozialen Medien und Videokonferenzen zu treffen; in die Welt hinauszugehen, statt Naturfilme zu schauen und Landlustmagazine durchzublättern; den Frühling zu genießen, der uns in Zeiten des zivilisatorischen Stillstands nun fast erschreckte, weil dem an das emotionale Vakuum von Bildschirmoberflächen gewöhnten Zeitgenossen soviel Lebendigkeit geradezu unheimlich vorkommen muss. Durch behördliche Verordnungen zu einer neuen Dimension der Atomisierung gezwungen, konnten wir gleichsam am eigenen Leib erfahren, wie trostlos sich eine Online-Existenz anfühlt, wenn sie nicht mehr durch die Möglichkeit umfassenderer Sinneserfahrungen ergänzt und konterkariert wird – wie erbärmlich also ein Alltag ist, den wir abgekapselt in unseren IT-Universen verbringen, hoffnungslos isoliert von allem wahrhaft Lebendigen.

Aber ist das nicht ohnehin jedem klar? Es sind doch nur einige wenige Suchtkranke, die die medialen Intermundien zu ihrem Daseinszentrum erheben und an der Teilnahme am öffentlichen Leben kein Interesse mehr haben. Zudem ist für immer mehr Menschen das Naturerlebnis zum wichtigsten Reisemotiv geworden. Und spielt nicht auch die eigene Leiblichkeit eine immer größere Rolle? Pflegen und trainieren wir unseren animalischen Körper nicht mit einer Intensität, die bei einigen schon die Grenze zur Besessenheit überschritten hat? – Wer möchte das bezweifeln? Das Interesse an Natur- und Selbsterfahrung ist massiv angewachsen und dürfte durch die Pandemie einen weiteren starken Impuls bekommen haben. Schließlich hatten sich viele Landsleute in den Wochen und Monaten des Lockdowns in der Freizeit auf Wanderungen und Radtouren durch die heimatliche Natur verlegt und dabei gespürt, welch stilles Glück erfahrbar wird, wenn das Getriebe der modernen Zivilisation samt ihres Freizeitleistungsdrucks einmal außer Kraft gesetzt ist. Manch einer berichtete sogar von dem befreienden Gefühl, irgendwie nach Hause gekommen zu sein – in einen Zustand tiefer Verbundenheit mit der Natur, die sonst immer nur draußen gehalten oder auf die Schnelle konsumiert wird – zwischen zwei Terminen, gejagt von vielfältigen Handlungs-, Konsum- und Reisezwängen und ohne die Zeit, sich wirklich einzulassen.

Dass Ansätze zur Erneuerung der Mensch-Natur-Beziehung erkennbar sind, heißt aber eben nicht, dass nicht zugleich immer mehr Lebenszeit in digitalen Vermittlungen zugebracht wird. Und da ist es gleichgültig, ob man das auf den Screens Erscheinende für substanziell oder für bloßen Freizeitvertreib und Lebensersatz hält. Entschieden wird darüber nicht von einem souveränen Individuum, das sich im stillen Moment der Selbstreflexion so oder so definiert, sondern von dem Leben, das es zunächst und zumeist führt – von der konkreten Alltagspraxis also. Zu glauben, dass die radikale Neuformatierung unserer Bezugssysteme nicht auf die persönliche Selbst- und Weltwahrnehmung zurückschlägt, wäre naiv –  es ist das Sein, das das Bewusstsein bestimmt.

Nicht vergessen werden darf auch, dass geschätzte elf Millionen Deutsche sich zur Befriedigung ihres angeboren Bewegungsdrangs mittlerweile in abgeschirmte Fitnesstudios zurückziehen, wo das einzige Stück Natur, der eigene Körper, in Maschinen eingespannt wird und optimiert, nämlich selber zu einem Teil der menschlichen Produktwelt, zu einer Maschine, werden soll –  getragen von der verwegenen Hoffnung, man könne der gespürten Leibentfremdung mit noch mehr Entfremdung beikommen. Um zu denken, dass sich daran nach dem Ende der Pandemie etwas ändern wird, braucht man eine gehörige Portion Optimismus. Alle wollen ja vor allem eines: zurück zur gewohnten Normalität, die eine Normalität der Entfremdung ist. Am Tag der Wiedereröffnung eines Rund um die Uhr-Fitnessclubs standen die Menschen Schlange – um Mitternacht!

Ob die Coronakrise zu einer Aufwertung unserer Naturbeziehungen führt, muss sich folglich erst noch zeigen. Einen Einschnitt bedeutet sie aber allemal,  insofern sie die Wahl verdeutlicht, vor der wir heute stehen: Entweder sich jetzt erst recht und noch mehr an den vermeintlich sicheren Reservaten synthetischer Paralleluniversen orientieren, oder sich um eine Art irdische Resozialisierung, eine Wiedereingliederung ins Netz des Lebens zu bemühen, sich also wieder neu als Bewohner eines von Pflanzen und Tieren bevölkerten Planeten zu entdecken und zu betätigen, auch wenn dieser uns nicht nur birgt, sondern immer auch bedroht  – allein schon damit bedroht, dass er uns an unsere Vergänglichkeit erinnert.

Damit verbunden wäre eine Doppelaufgabe von historisch beispiellosem Zuschnitt: Wir müssten nicht nur gegen die modernen Formen der Naturausbeutung rebellieren. Wir müssten auch unseren inneren Kompass neu justieren und den Verführungen der medialen Welttransformation zu widerstehen lernen, zugunsten einer Kultur des Hier und Jetzt, zu der sowohl das persönliche Sich-Gegenüberstehen als auch das Draußensein in frischer Luft gehören würde – eines Draußenseins, bei dem “auch die Muskeln ein Fest feiern”, wie Nietzsche gesagt hätte.

Dass sich hier seit langem etwas tut, lässt sich schwer bezweifeln. Zu den schlagenden Beweisen gehört die in den Achtziger Jahren noch unvorstellbare Renaissance des Wandern und Radfahrens – das Verlangen nach Selbstbewegung im Freien ist geradezu epidemisch geworden, monatelang standen die Leute Schlange vor den Fahrradläden und die Hersteller kamen nicht mehr nach mit der Produktion.

Zu früh sollte man sich dennoch nicht freuen. Zwar suchen immer mehr Menschen jene Austauschbeziehung mit der natürlichen Welt, die im Berufs- und Lebensalltag verloren gegangen ist. Zu den Zeichen der Zeit gehört aber auch ein diametral entgegengesetzter Prozess, der die Bereitschaft zur Öffnung für das Reich der Sinne unterläuft: Der Prozess der Abschottung im Dienste der persönlichen Sicherheit. Skeptiker glauben jedenfalls, dass es vor allem dieser Wille zur Immunisierung ist, der gestärkt aus der Krise hervorgehen wird. Nachdem jede real begegnende Person als potenzieller Krankheitsüberträger ausgemacht ist, könnte die ohnehin gestiegene Angst vor der Berührung mit allem, das man nicht selbst ist, tatsächlich weiter wachsen. Und die in einer Sicherheitsgesellschaft immer zahlreicher werdenden Hysteriker dürften sich darin bestärkt fühlen, dass man sich beim Verlassen der Wohnung in ein einziges Hochrisikogebiet begibt, das ohne Desinfektionsmittel, Sonnencreme und Anti-Zeckenspray zu betreten fahrlässig wäre. Schreibt sich die Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte fort, so werden zur Abwehr der unvermeidlichen Lebensrisiken irgendwann noch der gesetzlich vorgeschriebene Sturzhelm für Wanderer, der Ganzkörperprotektor für Senioren, die Latex-Handschuhe und der portable Luftfilter hinzukommen. Im Grunde gibt sich die aus den USA herübergeschwappte ‘No Touch’-Kultur mit der Pandemie selber Recht: Recht mit der ruinösen Annahme, die Natur sei unser eigentlicher Feind, der noch weiter aus unserem Alltag zurückgedrängt werden muss. Auch und gerade, wenn sie sich in Form von Bakterien, Keimen und Viren in unseren Mitmenschen versteckt.

Zu der von Covid-19 noch zusätzlich befeuerten Abschottungsmanie passt auch der unbeabsichtigte Nebeneffekt der landesweiten Kontaktbeschränkungen: die digitale Überschreibung der letzten noch analogen Lebensbereiche. Private und geschäftliche Treffen und sogar Arztbesuche wurden zu Videokonferenzen, Kundgebungen und Demonstrationen zu Online-Ereignissen umfunktioniert, Gottesdienste, Kulturveranstaltungen und Yogakurse als Livestream’erlebnisse’ auf den Bildschirm gebracht, Museumsexponate über Online-Datenbanken verfügbar gemacht und Büroarbeit ins Homeoffice ausgelagert. Zudem gelten Fitnessuhren, die sich bislang vor allem Technik- und Kontrollfreaks angelegt hatten, nun plötzlich als Grundausstattung, ohne die man kein eigen- und sozialverantwortliches Leben mehr führen kann.

So muss man kein Zyniker sein, um die Coronakrise als einzigartiges Konjunkturprogramm für Technologie-Startups, den Onlinehandel und die flächendeckende Digitalisierung zu lesen. Als ein Programm, bei dem noch die Alten und die wenigen noch übrig gebliebenen Technikverweigerer eingesammelt und zur digitalen Konformität gezwungen werden. Seit Wochen vergeht ja kaum ein Tag, an dem nicht eine neue App auf dem Markt kommt, mit der man seinen Gesundheitszustand oder den Abstand zu den Mitmenschen kontrollieren kann und Auskunft über seinen jeweiligen Aufenthaltsort gibt. Wobei all dies selbst bei den Parteien, die sich als Hüter des Datenschutzes empfehlen, als Zeichen von Kreativität und Schritt in eine bessere Zukunft gefeiert wird – eine Zukunft der Monadenexistenz, in der man mit sich und seinen Apparaten alleine ist und zunehmend ohne Außenweltkontakte und wirkliche Berührungen auszukommen meint – und damit Öl in das Schwelfeuer seiner Identitätskrise schüttet.

Am nachhaltigsten dürften die Konditionierungseffekte für unseren Nachwuchs sein. Die Schulkinder trainierten nun wochenlang vor ihren digitalen Endgeräten das, was nach allen pädagogischen Erkenntnissen  kontraproduktiv ist: Das Lernen im luftleeren Raum des Internets, ohne lebendig vor ihnen stehende Lehrer und körperlich anwesende Mitschüler – und ohne reale Orte, an denen all dieses stattfindet, Orte, die Teil jener alten Welt sind, die gerade wieder aus der Vergessenheit aufgetaucht war. Und die wir besser nicht gleich wieder vergessen sollten.